„Je länger die Pandemie, umso blanker die Nerven“ – unsere Podiumsdiskussion zur Pandemie-Debatte

Die Corona-Pandemie ist als Krisenzustand ein Stresstest für uns alle im Alltag, aber auch für unsere Demokratie. Das merkt man an der extremen Zuspitzung der Debatten über die Infektionsschutzmaßnahmen. In einer Online-Podiumsdiskussion diskutierten wir darüber mit Christina Haubrichder gesundheitspolitischen Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, Prof. Dr. Helmut Diepolder, dem Pandemiebeauftragten des Klinikums Kaufbeuren, und Thomas Schwarz von der Memminger Zeitung. Sie berichteten über die Auswirkungen der Krise auf ihren beruflichen Alltag und ihre Position in einer zugespitzten Debattenlage.

In der von unserem Bezirkssprecher und Bundestagskandidaten Daniel Pflügl moderierten Online-Veranstaltung erläuterte zunächst Thomas Schwarz, welche Schwierigkeiten seine Redaktion und die Allgäuer Zeitung allgemein im Umgang mit der ungewohnten Lage hatte. So hatten sie sich durchaus darum bemüht, Kritiker der Pandemie zu Wort kommen zu lassen. Dafür eigens geplante Formate – wie etwa Diskussionsrunden in der Redaktion – scheiterten allerdings am von vornherein fehlenden Vertrauen der Kritiker und der mangelnden Bereitschaft, mit ihren Namen zu ihren Aussagen zu stehen.

Fehlt die Kritik in der Zeitung?

Dennoch seien auch den kritischen Stimmen in der Zeitung vertreten. Die Kritik und die Sorgen der Maßnahmengegner müsse ernst genommen und thematisiert werden, was aber nicht heiße, „jedem Schwachsinn Raum zu geben.“ Selbstkritisch räumte Schwarz ein, dass seine Redaktion am Anfang nicht ausreichend differenziert habe: „Auch wir haben diese Kritiker oft erst mal alle über einen Kamm geschoren, nach dem Motto: Das sind ja alles nur Krawallmacher.“ Auf Veranstaltungen habe er auch viele unterschiedliche Menschen mit berechtigten Sorgen angetroffen. Dass die Sorgen und die Kritik vergleichsweise selten konstruktiv und sachlich geäußert wird, zeigt sich allerdings auch in Internet. Aufgrund vieler unverschämter Kommentare habe die Allgäuer Zeitung etwa bei ihrem Corona-Ticker auf der Website die Kommentarfunktion ausschalten müssen, viele Diskussionen hätten sich dann auf Facebook verlagert, erklärt Thomas Schwarz:

„Manche wollen Krawall machen, viele wollen Frust loswerden, aber das ist nicht zielführend bei so einem Forum. Das Problem gibt es auch in anderen Bereichen, aber: Je länger die Corona-Pandemie andauert, umso blanker liegen die Nerven offensichtlich bei einigen Personen.“

Man könne nur noch sehr schwer ins Gespräch kommen, da es oft gar keine Diskussionsbereitschaft mehr gebe.Dann trotzdem noch etwa mit Corona-Leugnern zu reden oder Mail-Wechsel einzugehen, koste nur Zeit und Nerven. „Es hat zugenommen und der Ton ist rauer geworden,“ so Thomas Schwarz über die Verschärfung der Debattenlage durch Corona-Kritiker, „ich kenne Kollegen, die wirklich auch bedroht worden sind, weil sie was geschrieben haben, dass den Herren nicht gefallen hat. Und das geht gar nicht.“

Ist die Opposition zu zahm?

Unter dem Titel „Alle plötzlich staatstreu?“ wollte Daniel Pflügl in der Podiumsdiskussion auch von Christina Haubrich als Vertreterin der größten Oppositionspartei des Bayerischen Landtags wissen, ob man sich dort zu wenig um die notwendige Kritik an der Pandemiepolitik der Staatsregierung gekümmert habe. „Solche Krisenzeiten sind zunächst mal Zeiten der Exekutive,“ erklärte Haubrich die anfängliche Zustimmung zu schnellen Maßnahmen, „aber das heißt nicht, dass wir unsere Oppositionsrolle nicht wahrgenommen hätten.“ Durch unzählige Sondersitzungen sei der Arbeitsaufwand sehr hoch und man kümmere sich täglich intensiv darum, die Politik aktiv zu verbessern. Allein im Gesundheitsbereich habe die Fraktion bereits über 80 Initiativen eingebracht, teilweise auch unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit: „Wir müssen ein gemeinsames Ziel haben: diese Krise zu überwinden. Wir sind dafür auch zum Teil unkonventionelle Wege gegangen, haben statt langwieriger Verfahren unsere Vorschläge einfach direkt an die Ministerien geschrieben. Vieles ist auch umgesetzt worden,“ so Haubrich.

Thomas Schwarz bestätigte, dass die Wahrnehmung der Oppositionsarbeit neben einer CSU-Regierung in Bayern grundsätzlich etwas geringer sei als in anderen Bundesländern. Insgesamt seien in den Medien doch auch diese Positionen gut vertreten. Bei der Oppositionsarbeit der AfD müsse man allerdings immer genau abwägen, ob man dieser auch eine Plattform bieten dürfe. Die Debatte der Politiker untereinander sei derzeit sachlicher als in früheren Zeiten, erinnerte Schwarz.

Konzepte: zu spät, zu kurzfristig, zu unzuverlässig

Dem Eindruck, dass Kritik nur noch von den Rändern käme, widersprach Christina Haubrich: „Wir haben natürlich nicht nur zu allem Ja und Amen gesagt, im Gegenteil. Ich erinnere an das Testdebakel im Sommer, wo wir sehr stark kritisiert haben, dass Söder das so schnell versucht hat, das alles umzusetzen und wo dann alles schief gegangen ist. Wir haben sehr früh Perspektivenpläne gefordert, uns sehr für schon massiv für die Kunst und Kultur eingesetzt und auch überlegt, was wir für die Schulen tun können.“ Die Fraktion habe seit dem Sommer 2020 immer wieder ihre Ideen und Pläne eingebracht. Insbesondere bei der Schulöffnung seien solche Konzepte nicht oder zu spät berücksichtigt worden. Von der Staatsregierung werde immer vieles sehr kurzfristig erst angekündigt und könne dann nicht eingehalten werden.

Fehlender Fokus auf Epidemiologie und Medizin vor Ort

Neben Medien und Politik sind in der Corona-Krise selbst die Wissenschaft und die Medizin mit Vorwürfen konfrontiert, durch eine verengte Perspektive und nur einzelne wenige Experten die Infektionsschutz-Maßnahmen zu stützen. Bei 400.000 Ärzten gebe es sicherlich auch viele verschiedene Meinungen zum Thema, erklärte Prof. Dr. Helmut Diepolder. Viele verschiedene Perspektiven kämen auch in den Medien zu Wort. Doch unter den medizinischen Fachgesellschaften gebe es auch einen sehr breiten Konsens über die Bewertung der pandemischen Lage.

„In Deutschland haben wir das Glück, mit Herr Drosten einen international anerkannten Experten für Corona-Viren zu haben, der auch didaktisch das sehr gut präsentieren kann. Darüber sollten wir uns freuen,“ so Diepolder. Der Bereich der Wissenschaft, der insgesamt zu knapp vorkomme, sei aber eigentlich die Epidemiologie: „Eigentlich geht es darum: Wie breitet sich das Virus aus, wie wird es übertragen, mit welcher Dynamik muss man rechnen und welche Strategien sind hilfreich, die Infektionsketten zu durchbrechen?“

Extrembedingungen im Klinik-Alltag

Auch über die Situation der Mediziner vor Ort sei zu wenig berichtet worden. Dazu berichtete Diepolder: „Was auch bei uns in der Klinik immer Thema war: dass wir nicht riskieren wollen, dass Patienten ohne Covid unter den Maßnahmen leiden. Dass wir für alle eine optimale Versorgung gewährleisten können, da gab es immer kontroverse Diskussionen. In der ersten Welle gab es die massivsten Einschränkungen in der Patientenversorgung, um Plätze für Covid-Patienten freizuhalten. Das war im Rückblick falsch, weil dann auch Behandlungskapazitäten brach lagen. Seither versuchen wir, immer Volllast zu fahren.“

In der zweiten Welle kam dann die siebenfache Menge an Patienten und die OP-Kapazitäten mussten tatsächlich direkt wegen der Überbelastung umstrukturiert und planbare Eingriffe verschoben werden. Während es in der ersten Welle auch an Ausstattung gefehlt habe, zeige sich im Alltag mittlerweile, dass vor allem das Personal fehlt, insbesondere in der Pflege. Für Covid-Patienten werde ein zweieinhalbfacher Personalbedarf kalkuliert, in der Intensivstation benötige man pro Patient eine Pflegekraft.

Hoffnung auf Entlastung durch Impfungen

Der Alltag im Klinikum verlaufe nach wie vor unter Extrembedingungen mit verschärften Infektionsschutzmaßnahmen, da schon kleine Nachlässigkeiten dazu führen könnten, dass das gesamte Krankenhaus geschlossen werden muss. „Es ist momentan ein Zustand, bei dem man sich jeden Tag wünschen würde, dass es wieder normal sein könnte,“ so Diepolder. Jede Veränderung der allgemeinen Infektionsschutzmaßnahmen kommt zwei bis drei Wochen später auch in der Klinik an. Die derzeitigen Öffnungen bei steigenden Infektionszahlen und höheren Anteilen an Mutationen bereiten dem Krankenhaus-Personal aktuell große Sorgen.

Immerhin bemerke man auch schon den Effekt der hohen Impfquote im Bereich der Altenheime an den Patientenzahlen aus dieser Gruppe, erklärt Diepolder. Intensivpatienten im hohen Alter seien seltener geworden, dafür kämen jetzt mehr aus den jüngeren Jahrgängen, die noch nicht geimpft wurden. Die Impfquote in der Allgemeinbevölkerung sei insgesamt noch deutlich zu gering für eine generelle Entlastung auf den Stationen.

Personen, die eine Erstimpfung mit AstraZeneca hatten und sich nun durch den Impfstopp über das weitere Verfahren sorgen, gab Prof. Dr. Diepolder Entwarnung: So sei eine zweite Impfung mit einem anderen Impfstoff problemlos möglich und es könne den Impfschutz sogar verbessern, wenn zwei unterschiedliche Stoffe verimpft würden. Grundsätzlich ist diese sogenannte heterologe Impfung sogar die favorisierte Immunisierung und wird häufig auch gezielt angewandt. Bei Covid-19 hat in der Kürze der Zeit bisher kein einzelner Hersteller mehrere verschiedene Impfstoffe für Erst- und Zweitimpfung entwickelt.

Solange die Testkonzepte und Impfstrategien nicht gut genug funktionieren, um die Ausbreitung der Viren unter Kontrolle zu bringen, gibt es derzeit keine Alternativen zu weiteren Lockdowns. Intensivmediziner hatten am Tag der Veranstaltung eine sofortige Rückkehr zum Lockdown gefordert.

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